ANNOs erste Seereise am 3. Mai 2014!?

 

Da fragt sich doch manch einer, an wie viel »Seh«-Reisen haben ich eigentlich schon teilgenommen? Es sind doch mindestens weit über 20 – und nun die erste?


Liebe ANNO-Freunde, das Rätsel ist schnell gelöst:
Wi wassen up´t  Eilandje Börkum. Früher auch: Borkna (1270), Borkina (1379), Borkyn (1409), Borchum Ooge (1440), Borckum (1462).
Borkum ist aus ursprünglich zwei Inseln, dem West- und Ostland, zusammengewachsen.
Das Tüskendör (»Zwischendurch«) zeigt heute die alte Nahtstelle an.

Wir reisten bei strahlendem Sonnenschein und ´ner guten Brise, wie es in Ostfriesland üblich ist. Dieses Mal brauchten wir keine Absagen erteilen, das Schiff hätte Platz gehabt für den ganzen Verein und alle Freunde. Schon auf der Hinfahrt beim frühmorgendlichen Kaffee ergaben sich neue Kontakte, alte Bekannte tauschten sich seit ihrem letzten Treffen erneut aus und die Gespräche flogen wie Gischfetzen durch den Salon.

Nach dem Anlanden hatten sich die ersten lockeren Grüppchen gebildet, die unseren Führer Jan Schneeberg vom rührigen Borkumer Heimatverein (http://www.heimatverein-borkum.de/) auf halber Strecke der Inselbahn am Jakob-van-Dyken-Weg begrüßten. Die Anzahl der Bockwurst-, Lachs- oder Krabbenesser in der mittäglichen Kartoffelsuppe war schnell geklärt und so konnten wir in der Gewissheit eines kräftigen Mittagstisches erwartungsvoll die erste Station unseres Fußmarsches erwandern.

Durch den architektonischen Brei der auf möglichst effiziente Vermietung ausgerichteten und verunstalteten Ferienhäuser gelangten wir zur Berufsschule in der Deichstraße und gleich nebenan zum Gebäude der Borkumer Dampf-Wasch-Anstalt (1892-1954). Hero Boomgaarden stellte die von seiner Schwiegertochter Anna Boomgaarden wunderschön restaurierten Sgraffitofelder an der Schaufassade des „Hauses Pinkenburg“ vor, die vom Malermeister und Getränkehändler und ersten Hausbesitzer Hilbrands selbst gefertigt wurde. Die Sgraffitotechnik ist eine im norddeutschen Raum sehr selten angewandte Technik.

Der Weg in den alten Stadtkern war kurzweilig und zeigte uns eine Reihe von Baudenkmälern, die sich behutsam restauriert wohltuend für das Auge von einem sehr stark touristisch geprägten Gesamtbild abheben. Neben den Bürgerhäusern lässt sich auch noch das bäuerliche, ebenso das Zur-See-Fahren bestimmte Leben erahnen.

Ein ausgiebiger Besuch des Dykhus mit vielen sehenswerten Kleinigkeiten, aber auch imposanten Stücken (15 m langes Pottwalskelett, Ruderrettungsboot »Otto Hass«) mit einem Vortrag über den Broterwerb des Walfangs der Borkumer im 17. und 18. Jahrhundert schlossen sich an. Das Museum wird vom Heimatverein der Insel Borkum e. V. in ehrenamtlicher Arbeit betrieben und wurde 1958 eingeweiht. In seinen Räumen beherbergt es neben der Darstellung der Lebens- und Arbeitssituation auch eine naturkundliche Sammlung.

Dem alten Leuchtturm auf der Kirchenwarf als ältestem Gebäude der Friesischen Inseln galt unser letzter Besuch vor dem Mittagessen.
Die Stadt Emden ließ 1576 an Stelle des früheren kleinen Kirchturms den 44 m hohen Alten Leuchtturm bauen, um die Fahrt der damals noch umfangreichen Handelsflotte in die Emsmündung abzusichern.
1817 erhielt der Turm eine Befeuerung, 1879 brannte er komplett aus und im gleichen Jahr nach einer Rekordbauzeit von nur sechs Monaten wurde der heute noch in Betrieb befindliche neue Leuchtturm errichtet.
Der gute bauliche Zustand des alten Turms erlaubte den Erhalt als Aussichtsturm bis in die heutige Zeit. Momentan ist er wegen neuer Brandschutzauflagen für die Öffentlichkeit allerdings nicht zugänglich. Die Umsetzung der geforderten baulichen  Veränderungen erfordert erhebliche finanzielle Mittel, die durch den Heimatverein der Insel Borkum e. V. als Eigentümer nicht aufgebracht werden können – und eine Lösung steht noch nicht in Aussicht.

 

 

 



Letzter Programmpunkt war der Besuch der einzigen evangelisch-reformierten Inselkirche in Ostfriesland (1896/97)).
siehe: http://www.evr.borkumer-kirchengemeinden.de/index.php/Startseite.html

Die wahrscheinlich drei Vorgängerbauten (1550 und 1576 am Standort des alten Leuchtturms – der Turm diente als Glockenturm; und 1730 mit dem relativen Reichtum des Walfangs ein weiterer Neubau) waren durch Witterung und Vernachlässigung baufällig und zu klein geworden. Mit Beginn des Bädertourismus um 1830 gab es gute Gründe für einen Neubau: 1811 waren die Einwohnerzahlen nach der Einstellung des Walfangs auf einen Tiefpunkt gesunken (ca. 400 Personen), sie stiegen bis zur Jahrhundertwende sprunghaft auf über 2000 Personen an und auch die Badegäste forderten einen genüsslichen Kirchgang. Ihre Spendenbereitschaft und die Voraussicht der Borkumer führte 1896 zur Grundsteinlegung eines neuen Versammlungsortes mit 900 Plätzen im historistischen Stil mit Elementen der Gotik und Renaissance, angelehnt an die niederländische Backstein-Baukunst. Ornamente der Innenausstattung lassen den aufkommenden Jugendstil erahnen. Für baufachlich Interessierte ergänzt ein Bericht (ZBBauverw_1898_51.pdf) im »Centralblatt der Bauverwaltung« von 1898 ab Seite 621 die Besonderheiten dieses aussergewöhnlichen Bauvorhabens.

1982 wurde die ursprüngliche Schieferdeckung durch ein Kupferdach ersetzt, welches den harten Witterungsbedingungen länger trotzen soll.

Im Jahre 1900 wurde die erste Orgel von Johann Diepenbrock mit zwei Manualen und 15 Registern geschaffen. Das heutige Instrument von 1973, geschaffen von Karl Schuke, verfügt über 18 Stimmen auf zwei Manualen und Pedal und wird regelmäßig für Konzerte genutzt. Im Jahr 2005 führte Bartelt Immer eine Überholung der Orgel durch.
Eine ursprüngliche Bronzeglocke wurde im ersten Weltkrieg eingeschmolzen und erst im Jahre 1924 konnten die heutigen drei Eisenhartgussglocken angeschafft werden, die ebenso wie das Mauerwerk und die Fenster einer Restaurierung wegen der harten klimatischen Bedingungen erfordern.
Aus der Zeit des Walfangs stammt das Originalmodell eines Walfangbegleitschiffs, ebenso zwei Abendmahlskelche, alles gestiftet vom berühmtesten Borkumer Walfänger und damaligen Kirchenrat und Walfangcommandeurs Roelof Gerritz Meyer (1710-1797). Als Kapitän brachte er von 44 Fahrten den Ertrag von 270 gefangenen Walen in Form von Tran und eine Menge Walknochen mit, die sein damaliges Grundstück (heute das Pastorenhaus) in Form eines Zauns abgrenzen.

Ein herzliches Danke an Pastor Carsten Wittwer für seine kurzweilige Einführung in die vielfältige Geschichte eines besonderen Kirchenbaus, an Jan Schneeberg vom Heimatverein Borkum als unserem Führer und allen Teilnehmern für die vielen Gespräche auf einer spannenden Seereise sagt im Namen des ANNO-Vorstands
Volkmar Kayser

PS: Bilder von anderen Teilnehmern nehmen wir gern mit auf in die Bildergalerie. Bitte schicken an: okay.druckbetreuung[at}t-online.de



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