Liebe auf den zweiten Blick

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/05

Ausgabe vom Dienstag, 30. Juli 2002
Leben in alten Häusern (5) von Michael Esders.

Liebe auf den zweiten Blick

Volkmar Kayser und Monika Marquardt leben in der alten Schule in Loquard

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein Anno versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt Häuser und Restauratoren in einer Serie vor.

Loquard. Es war ein grauer, regnerischer Tag im Januar, als Volkmar Kayser und Monika Marquardt die alte heruntergekommene Schule zum ersten Mal sahen. Liebe auf den ersten Blick war es nicht, erinnert sich die Psychotherapeutin. »Es war das hässlichste Gebäude im Dorf.« Trotzdem entschieden sich die Eheleute nach langem Nachdenken zum Kauf. »Der Standort direkt neben der Kirche hat den Ausschlag gegeben - und die Stille. Man hört das eigene Blut in den Adern rauschen.«

 

Eigentlich wollte sich das Paar, das aus beruflichen Gründen aus Bremen in die Krummhörn gezogen war, in einem abgelegenen Gulfhof in Roggenstede niederlassen. Als sich dieses Projekt zerschlug, machten die beiden sich mit der Anno-Vorsitzenden Insa Uphoff auf die Suche nach einem anderen Haus. Anderthalb Jahre hatten sie provisorisch in einem einzigen Zimmer über Monika Marquardts psychotherapeutischer Praxis in Pewsum gewohnt. »Wir haben aus dem Pappkarton gelebt«, sagt die 54-Jährige.

Im Frühjahr 2000 begann das Ehepaar mit der Restaurierung der 1852 erbauten Schule in Loquard. Volkmar Kayser war zunächst damit beschäftigt, den Kunststoff-Fußboden, Hartfaserplatten, Folien, Glaswolle, Styropor und andere »moderne« Baumaterialien zu entfernen. Die Innenwände ließ er einreißen, um die ursprüngliche Raumaufteilung mit Eingangsflur und zwei Klassenräumen wiederherzustellen. »Ich habe 36 Container Schutt hier rausgetragen«, sagt der gelernte Drucker. Seine Frau schmunzelt: »Er hat richtig große Hände bekommen.«

Beim Rückbau der angrenzenden Lehrerwohnung, die 1867 nach dem Abriss des Vorgängerhauses direkt an die Schule gebaut wurde, stieß der Maurer Walter Gröger auf eine Überraschung: Beim Bohren entdeckte er unter der Betonschicht der Türschwelle einen Türsturz aus Sandstein mit der eingemeißelten Aufschrift »Anno 1550«. Er stammt aus der Vorgängerschule, die während der Herrschaft von Gräfin Anna errichtet wurde, vermutet Insa Uphoff. Stimmt diese Theorie, dann wäre das Vorgängergebäude eine der ältesten Dorfschulen Deutschlands. Der Türsturz wird zurzeit restauriert. »Wir suchen noch nach einem Ehrenplatz«, sagt Monika Marquardt.

Im September 2001 zog das Paar in die Schule ein. Die Klassenräume nutzen sie als Küche und Wohnzimmer. In der ehemaligen Lehrerwohnung hat Monika Marquardt ihre psychotherapeutische Praxis eingerichtet. Auch nach dem Einzug ging die Restaurierung weiter. Das Schlafzimmer unter dem Dach konnten sie zunächst nur über eine Leiter erreichen, weil die Treppe noch nicht fertig war. »In einem alten Haus gibt es immer Arbeit«, meint Volkmar Kayser. »Nie wieder«, sagte er sich, als das Gröbste geschafft war. Inzwischen hat er seine Meinung geändert. »Ich hätte wohl wieder Lust.«