»Dafür man muss schon Idealist sein«

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/06

Ausgabe vom Freitag, 2.August 2002
Leben in alten Häusern (6) von Michael Esders.

»Dafür man muss schon Idealist sein«

Aalderk und Edith Huisinga aus Boen retten den baufälligen Wiemannshof in Bunde vor der Abrissbirne

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein Anno versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt einige Häuser und Restauratoren in einer Serie vor.

Bunde. Die weiß verputzte Fassade mit Rundbögenfenster und reichen Verzierungen am Gesims fällt sofort ins Auge: Wenn man das repräsentative Wohnhaus im holländischen Stil heute sieht, kann man sich nur schwer vorstellen, dass der Wiemannshof in Bunde noch vor einigen Jahren eine Ruine war. »Das Haus stand kurz vor dem Abriss«, erinnert sich Aalderk Huisinga.

 

1993 kauften der Bauunternehmer aus Boen und seine Frau Edith den baufälligen Gulfhof. Bereits 1976 war Reinhard Wiemann, der letzte Besitzer, ausgezogen. Das Anwesen bot einen traurigen Anblick: Es regnete durch, armdicke Bäume schossen aus Kellerschächten, und eine Wand war sogar schon eingebrochen. Kurz nachdem die Huisingas den Hof gekauft hatten, legten Kinder zu allem Überfluss auch noch ein Feuer im Wirtschaftshaus. Aber auch der verheerende Brand konnte den heute 63-Jährigen nicht von seinen Plänen abbringen. »Man muss schon Idealist sein, um so etwas zu wagen.«

Huisinga machte sich zunächst an das Dach und an die Fassade des Wohnhauses, das durch einen kleinen Zwischenbau mit der Gulfscheune verbunden ist. Besondere Mühe hatte er mit der Restaurierung der kleinen Ecktürmchen und der Giebelverzierungen mit ihren fein gearbeiteten Ornamenten. »Ich habe Modelle gemacht und die Konsolen in Kautschuk-Formen nachgegossen«, erzählt Huisinga.

Der Maurermeister restaurierte die alten Sandsteinstufen, baute die historischen Rundbögenfenster wieder ein und ließ Eisenfenster, Fenstersprossen und das Ziergitter des Hauptportals beim Leeraner Leda-Werk nachgießen. »Das Türgitter hat wohl jemand geklaut. Wir haben ein altes Hochzeitsfoto von 1900 als Vorlage genommen.«

In weiten Teilen gebrauchte Huisinga alte Backsteine, die er mit Muschelkalk verfugte. Auch bei der Dachsanierung musste er den historischen Zustand immer im Auge behalten: Zur Straßenseite ist das Dach mit Schieferplatten eingedeckt, hinten sind einfache Tondachziegel. »Die haben damals schon viel Wert auf Show gelegt«, sagt der Bauunternehmer.

Die Wagenremise und das kleine Backhaus baute Huisinga völlig neu auf. »Ich hatte nur alte Pläne aus dem Katasteramt«, erzählt er. Im alten Backhaus wurde inzwischen wieder so mancher Elsässer Pfannkuchen gebacken, und in die Wagenremise dient heute als »Heuhotel«.

Aus Urkunden der Brandkasse kennt Huisinga die Namen der Bewohner bis 1768. Dass der Wiemannnshof noch älter ist, hat eine dendrochronologische Untersuchung ergeben. Aus den Jahresringen des Kiefernholzes, das im Ständerwerk verarbeitet ist, ermittelten Experten das Jahr 1709. Das villenartige, zweigeschossige Wohnhaus wurde 1824 errichtet.

Besonders interessant findet Huisinga die Ständer im vorderen Gulf. Im heutigen Restaurant kann man sich das »dörstoken Wark« ansehen. »Die Ankerkonstruktion wird durch die Ständer gezapft und mit Keilen befestigt«, erläutert der Experte.

1998 war der Wiemannshof fertig. Die Südseite der Scheune beherbergt heute Ferienwohnungen. Neben dem Restaurant ist das Dollartmuseum untergebracht, das über Landwirtschafts- und Deichgeschichte informiert. Zwei Millionen Mark hat die Restaurierung gekostet, ein Teil kommt aus dem Gulfhaus- und Dorferneuerungsprogramm.

Besonders stolz sind Edith und Aalderk Huisinga auf den Preis für Denkmalpflege der niedersächsischen Sparkassenstiftung. 1999 erhielten sie den dritten Platz. »Für uns ist das wie ein kleiner Nobelpreis.«