Unerwartete Schätze unter vergilbter Tapete

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/08

Ausgabe vom Freitag, 9. August 2002
Leben in alten Häusern (8) von Michael Esders.

Unerwartete Schätze unter vergilbter Tapete

Herbert Krause lässt Gulfhaus in Boekzetelerfehn restaurieren / Lehrer suchte Haus für den Lebensabend

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein Anno versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt Häuser und Restauratoren in einer Serie vor

Boekzetelerfehn. Unter vergilbten und verschimmelten Tapeten waren Kostbarkeiten verborgen: bunt gezeichnete Wandfriese, Rollmuster und Wandmalereien mit Blumenornamenten. »Für ein Gulfhaus sind diese Zeichnungen außergewöhnlich«, sagt Herbert Krause. »Arm kann der Bauer damals nicht gewesen sein.« 1996 kaufte der Gronauer das Gulfhaus an der Kreisstraße in Boekzetelerfehn. Heute gibt es in dem über 100 Jahre alten Haus keine Tapete mehr. Auch sonst hat der 63-Jährige mit dem »Baumarktstil« radikal aufgeräumt.

 

Mit einem Makler zog der Sonderschullehrer und gelernte Möbeltischler vor sechs Jahren durch Ostfriesland. »Ich war auf der Suche nach einem Haus, in dem ich meinen Lebensabend verbringen kann.« Neun Jahre hatte der gebürtige Berliner als Pflegekind in einem Bauernhaus in Rorichmoor gelebt. »Gulfhäuser sind mir bestens vertraut.«

Das Haus an der Kreisstraße besichtigte Krause zunächst nur aus Höflichkeit. Nach mehren Reinfällen wollte er die Hoffnung auf ein passendes Domizil schon fast aufgegeben. »Der Giebel und die runde Feuerstelle in der Stube haben mich dann aber gleich angezogen.«

Als Krause das Haus kaufte, war der Gulfhof völlig verwahrlost. Die letzte Besitzerin lebte nur noch in einem Zimmer, der Rest war unbewohnbar. Der Lehrer ließ den Hof zunächst unter Denkmalschutz stellen. »Ich wollte ausschließen, dass die Leute nach mir mit dem Haus machen können, was sie wollen.« Ein Stück Vergangenheit für die Zukunft bewahren, das ist Krauses Antrieb.

Der neue Hausbesitzer ließ Decken und Wände vom Plastik befreien und die alten Fenster, die er auf dem Dachboden gefunden hatte, wieder einbauen. Die Original-Türen waren teilweise noch vorhanden. Die restlichen ließ Anno-Gründungsmitglied Krause nachbauen. »Die Zusammenarbeit mit der Denkmalpflege und den hiesigen Handwerkern war gut.« Weniger gut zu sprechen ist er auf die Gemeinde. »Von denen habe ich nicht einmal ideelle Unterstützung bekommen.«

Besonders stolz ist der gebürtige Berliner auf die Details: auf die kleinen gehäkelten Spitzengardinen und auf die Stufe zur Upkamer. »Ich habe zwei Jahre geforscht, wie eine solche Upkamer-Stufe ausgesehen hat : bis ich ein altes Foto gefunden habe.« In der Upkamer selbst hat sich Krause einen kleinen Stilbruch erlaubt. Die Duschkabine passt nicht zum ostfriesischen Gulfhausstil. »Ich wollte nicht auf den modernen Wohnkomfort verzichten.«

Diele und Stall will Krause - abgesehen von einigen Ausbesserungen - so lassen, wie sie sind. »Mein größter Wunsch wäre, das Dach wieder mit alten Hohlpfannen zu decken.« 2004 möchte der pensionierte Sonderschullehrer nach Boekzetelerfehn ziehen. Schon jetzt verbringt er dort seinen Urlaub. Am liebsten würde er sein Haus jungen, noch nicht etablierten Künstlern öffnen. »Die könnten hier ungestört leben und arbeiten.«