Hinter Sandstein ein eigener Kosmos mit 18 Zimmern

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/09

Ausgabe vom Mittwoch, 14. August 2002
Leben in alten Häusern (9) von Michael Esders.

Hinter Sandstein ein eigener Kosmos mit 18 Zimmern

Klaus Klingenberg lebt im »Haus Mark« in Weener / Im frühen 19. Jahrhundert im Stil von Amsterdamer Herrenhäusern gebaut

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein Anno versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt einige Häuser und Restauratoren in einer Serie vor.

Weener. Hinter der Fassade aus kostbarem Bentheimer Sandstein verbergen sich 17 Zimmer auf drei Stockwerken und ein großer Saal mit Marmorkamin, Stuckdecken und handbemalten Wandbespannungen. Die Weeneraner Villa, die Klaus Klingenberg (Foto) bewohnt, erinnert eher an einen Adelssitz als an ein Bürgerhaus. »Das ist das wertvollste klassizistische Gebäude Ostfrieslands«, erklärt der Besitzer. »Allein die Fassade kostete damals so viel wie vier Einfamilienhäuser.«

 

Der Kaufmann Sieben van Mark ließ das Haus 1813 von einem Amsterdamer Architekten bauen. »Vorbild waren Amsterdamer Herrenhäuser«, sagt Klingenberg. Drei Jahre nach der Fertigstellung starb van Mark. Der Kaufmann vererbte die Villa an seine Schwester, die mit einem Freiherrn von Düring verheiratet war. Bis 1907 war das Stadthaus im Besitz der von Dürings, zwischen 1907 und 1972 gehörte es der Familie Goeman. Als die Familie das Haus nicht mehr halten konnte, erwarb es 1972 ein Anwalt aus Münster. Klingenberg, der auf einem Hof in Kloster Muhde aufgewachsen ist, kaufte das »Haus Mark« 1991. »Ich habe lange nach einem hochkarätigen Haus gesucht, in dem ich mir meinen eigenen Kosmos schaffen kann.«

Rückbau hieß die Devise des studierten Germanisten. Die 1866 eingebauten Flügelfenster kamen wieder raus. An deren Stelle ließ der gebürtige Westoverledinger englische Schiebefenster mit Kontergewichten aus Blei und handgefertigtem Glas einbauen. Auf das Dach kamen handglasierte Dachziegel aus Holland. »Zum Glück habe ich noch 100 Original-Ziegel auf dem Dachboden gefunden. Nach deren Vorbild konnte ich neue Dachpfannen bauen lassen.«

Auch die Bleifirste ließ Klingenberg von niederländischen Handwerkern herstellen. »Die sind mit historischen Techniken sehr bewandert.« Die Schornsteine, die der Vorbesitzer abgerissen hatte, ließ Klingenberg mit alten Ziegeln wieder aufbauen. »Ich habe mir alte Luftbilder mit der Lupe angeschaut, um herauszufinden, wie das einmal ausgesehen hat.«

Klingenberg kämpfte mit Dränagen gegen die Feuchtigkeit. Er entfernte die Fußböden, ließ den Sand abtragen und tauschte ihn gegen Granit aus. »100 Tonnen sind da reingekommen.« Anschließend kamen die Fußböden wieder an die ursprüngliche Stelle. Vorher hatte Klingenberg den gesamten Boden fotografiert, damit nichts durcheinander geraten konnte.

In der unteren Etage, in der früher das Dienstpersonal untergebracht war, sind zwei alte Küchen. Ein Speiseaufzug führt in die Beletage. Im Innern hat das Haus eine barocke Ordnung. Dies bedeutet, dass die Zimmer symmetrisch ausgerichtet sind. Der Garten auf der Straßenseite, die vordere Freitreppe, die Halle sowie die hintere Treppe und der Garten auf der Rückseite bilden eine Achse. »Der Garten ist eine Art verlängerter Salon.« Klingenberg hat ihn in französisch-klassizistischem Stil mit Buchsbaum und Muscheln angelegt - nach dem Vorbild eines alten Aquarells. »Eine Menge Arbeit. Aber der Neid sieht nur den Garten, nicht den Spaten.«

Bereits 1995 wurde das Haus mit dem renommierten Preis für Denkmalpflege der niedersächsischen Sparkassenstiftung ausgezeichnet. Abgeschlossen ist Klingenbergs Arbeit damit aber noch lange nicht. Zurzeit ist er mit dem Kutschhaus und dem Garten beschäftigt. Der Weeneraner freut sich, wenn er während der Gartenarbeit von Touristen angesprochen wird. »Die halten mich für den Gärtner – nicht für den Besitzer.«