Verfallener Hof mit Zukunft

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/01

Ausgabe vom Mittwoch, 17. Oktober 2001
Leben in alten Häusern (1)

Verfallener Hof mit Zukunft

In Ostfriesland gibt es viele alte Häuser, seien es Landarbeiterhäuser, Gulfhöfe oder Stadthäuser. Sie geben Dörfern und Städten das Gesicht. Doch so manches dieser Baudenkmale ist in Gefahr. Deshalb will der Verein ANNO, Gesellschaft zur Erhaltung ostfriesischer Kultur- und Baudenkmale: diese historische Bausubstanz erhalten. Die OZ stellt in einer Serie mehrere Objekte vor, die mit Hilfe von ANNO vor dem Abriss gerettet und restauriert wurden. Den Anfang macht ein Gulfhof in Terwisch (Samtgemeinde Jümme).

 

Das alte Bauernhaus schmiegt sich am Altarm der Jümme. Auf der anderen Seite streckt sich der weite Jümmiger Hammrich. Bis vor einigen Wochen Maurer ein paar Stahlseile spannten, um ausgebeulte Außenmauern zu stützen, und altes Baumaterial sicherten, dämmerte das Haus vor sich hin, dem Verfall preisgegeben. Die Besitzerin, eine alte Dame, war Ende 2000 ausgezogen.

Terwisch: das sind paar Bauernhäuser. Mehr ist nicht los in dieser Siedlung, in die sich gelegentlich Urlauber und Wochenend-Radler verlieren. Eine Idylle, wie Städter sagen würden.

Das fast verfallene Bauernhaus, ein klassischer ostfriesischer Gulfhof, wäre normalerweise völlig verfallen, dann abgeräumt und vielleicht durch ein modernes Wohnhaus ersetzt worden. Auch wenn es unter Denkmalschutz steht.

Aber es gibt Menschen, die ostfriesisches Kulturgut wie zum Beispiel alte Bauernhäuser vor dem Verfall retten und es restaurieren, also wieder in den ursprünglichen Zustand versetzen. Restaurieren ist ausdrücklich nicht zu verstehen im Sinne von Sanieren. Genutzt wird das Haus aber zeitgemäß, nicht als Museum. ANNO spricht von »Baudenkmalen mit Zukunft«.

In Terwisch will das Ehepaar Lothar und Erika Poppinga dem Gulfhof eine Zukunft geben, der 1828 von Tjabbe Efken Schultz und Gepcke Ennen Schultz gebaut wurde. So steht es auf einem Haus-Stein im hinteren Giebel.

Die Poppingas haben »ein Faible für alte Sachen«. Sie wollen nicht tatenlos zusehen, »wie unsere Baukultur Stück für Stück verloren geht«. Da passte es gut, dass sie zufällig Heiko Behrends vom Anno-Vorstand in einem Restaurant trafen. Dieser war schon lange auf der Suche nach Rettern des Hauses. Schnell war der Verkauf mit den Besitzern geregelt.

Der Gulfhof sieht ziemlich verfallen aus, aber Fachleute sind begeistert, dass noch so viele Hausteile erhalten, zumindest restaurierbar sind.

Das Vorderhaus möchte das Ehepaar Poppinga für sich nutzen. Damit sich die Investition rechnet, hat Architekt Peter Woltermann aus Weener drei Ferien-Apartments im Kuhstall geplant. Das Haus wird originalgetreu aufgebaut. »Da kommt auch keine Tapete an die Wand«, gibt sich Erika Poppinga kompromisslos. Selbst Butzen und Pferdestall entstehen wieder. Dachpfannen, die in Docken gelegt werden, und Mauersteine blieben weitgehend erhalten, der Rest wird zugekauft. Fenster und Glas im Vorderteil stammen aus dem 19. Jahrhundert.

Nächstes Jahr möchten Lothar und Erika Poppinga in Terwisch unterm Weihnachtsbaum sitzen.