Symbiose zwischen Haus und Mensch

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/02

Ausgabe vom Freitag, 19. Juli 2002
Leben in alten Häusern (2)

Symbiose zwischen Haus und Mensch

Das »Swanenhuus« in Groothusen verbindet alte Bauweisen mit moderner Technik / Drei Jahre Arbeit am Haus

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein ANNO versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt Häuser und Restauratoren in einer Serie vor.

Groothusen. Eine Photovoltaikanlage neben einem kleinen historischen Dachlukenfenster aus Ton: Schon von außen zeigt das »Swanenhuus« in Groothusen die ungewöhnliche Verbindung alter Bau weisen und neuer Technik. »Alte Materialien passen gut zu Wohnkomfort und Ökologie«, sagt Insa Uphoff, die den kleinen Gulfhof 1998 gekauft und drei Jahre lang restauriert hat. »Unsere Vorfahren haben auch nur die Ressourcen vor Ort genutzt.«

 

Insa Uphoff, auf einem Bauernhof in Pewsum aufgewachsen, hatte den kleinen Gulfhof in Groothusen schon länger im Auge. »Ich habe das Haus immer geliebt. Als es zum Verkauf stand, war für mich klar: Das übernehme ich.« 1994 war Swantje Petersen, die letzte Bewohnerin des 1834 errichteten Gebäudes, gestorben. Sie lebte nur noch im »Karnhus«, in dem ursprünglich Butter und Sahne hergestellt wurden. Das eigentliche Wohnhaus war so verfallen, dass es fast 50 Jahre niemand mehr bewohnte.

Insa Uphoff kam es sehr entgegen, dass die Petersens keine Renovierung bezahlen konnten. »Armut ist der beste Denkmalpfleger«, erzählt die Vorsitzende des Vereins ANNO. »Als ich das Haus übernahm, war noch alles da. Ich musste nicht groß nachdenken, sondern es nur in Ordnung bringen.«

Drei Jahre arbeiteten Insa Uphoff und ihre Kindern am und im alten Gemäuer. »Es war Stress hoch drei. Ich bin durch ganz Ostfriesland gerast, um einen passenden Stein oder eine passende Dachpfanne zu finden.« Zunächst bauten sie die Mauer des hinteren Giebels, die eingerissen werden musste, mit alter Technik wieder auf. »Wir haben wie früher in Lehm gemauert und mit Muschelkalk verfugt.« Danach kümmerten sie sich mit den Handwerkern um den morschen Dachstuhl und zuletzt um das Innere. Wichtig sind die vielen Details.

Besonders wichtig sind der 58-Jährigen die vielen Details, die sie beim Aufräumen entdeckte: Die »Plaveuzen«, der aus Erde gebrannte Fußbodenbelag, die alten Kuhstallfenster aus Holz oder die massiven Blockrahmen an den Türen, die das Mauerwerk stützen. »Die Rahmen haben unsere Vorfahren absichtlich schief eingesetzt«, erzählt die Restauratorin. »Weil Hexen nicht durch schiefe Türen gehen.«

Die zwei Sockelsteine des Eingangsportals, die zwei Frauenköpfe darstellen, stammen aus der 1780 aufgegebenen Mittelsten Burg in Groothusen, vermutet Insa Uphoff. »Für die Leute hier war das ein Steinbruch. Jeder hat sich bedient.« Aus der Burg, die direkt neben dem Gulfhof stand, kommt auch die steile Holztreppe zum Dachboden und die holzvertäfelte Decke in der »Upkamer«, die über dem Keller liegt. Besonders stolz ist Insa Uphoff auf den prachtvollen alten Schornsteinkamin in der Küche. Die Fliesen hat sie sich mühsam aus Abbruchhäusern zusammengesucht.

Auch als Insa Uphoff 1999 in den Gulfhof einzog, ging die Arbeit weiter. Angelehnt an den Vornamen »Swantje«, den Mutter und Tochter Petersen trugen, taufte sie das Gebäude Swanenhuus. »Wi sünd bi de Swanen west« pflegten die Groothuser nach einen Besuch der Petersens zu sagen.

Im Oktober 2000 wurde Insa Uphoff mit dem Landespreis für Denkmalpflege der niedersächsischen Sparkassenstiftung ausgezeichnet. Damit ging der begehrte Preis zum ersten Mal nach Ostfriesland. »Vorher haben uns einige belächelt, jetzt werden wir akzeptiert«. Wichtiger als diese Auszeichnung aber ist der ANNO-Vorsitzenden, dass sie sich im »Swanenhus« so richtig wohlfühlt. »Das Haus und ich, wir bilden eine Symbiose.«