Haus erzählt eine Geschichte

ANNO IN DER PRESSE • OZ-SERIE • 1/03

Ausgabe vom Dienstag, 23. Juli 2002
Leben in alten Häusern (3) von Michael Esders.

Haus erzählt eine Geschichte

Gudrun Hering und Rolf Greeven restaurieren Landarbeiterhaus in Loquard

Gulfhöfe, Landarbeiterhäuser, alte Schmieden: Ostfriesland hat viele Baudenkmale, die zu verfallen drohen. Der 2000 gegründete Verein Anno versucht, die alten Gemäuer vor der Abrissbirne zu bewahren. Die OZ stellt einige Häuser und Restauratoren in einer Serie vor.

Loquard. Gudrun Hering erkannte sofort, dass sich hinter dem unscheinbaren Haus in der Armenlohne in Loquard ein kleines Juwel verbirgt. »Ich habe gleich gesehen, was man daraus machen kann«, erzählt die gebürtige Juisterin. Als das ehemalige Landarbeiterhaus 1995 zum Verkauf stand, musste die Fliesenmacherin ihren Lebensgefährten Rolf Greeven erst noch von dem Schmuckstück überzeugen. »Erst war ich skeptisch. Aber bald habe ich erkannt, dass dieses Haus eine Geschichte erzählt«, sagt der 59-Jährige.

 

Das Paar, das zwei Jahre in der Krummhörn nach einem passenden Domizil gesucht hatte, wollte das Haus nicht renovieren, sondern zurückbauen. »Zunächst mussten alle Errungenschaften der Moderne raus«, sagt der gebürtige Rheinländer. Dazu gehörten die Kunststofffenster, die Haustür aus Aluminium und die Deckenverkleidung aus Plastik. »Es war innen sehr feucht. Das Haus atmete nicht mehr, weil alles zugekleistert war.«

Die Loquarder entfernten im Innern mehrere Tapeten- und Putzschichten und legten die alten Deckenbalken wieder frei. »Seitdem wir Holz am Boden und an der Decke haben, ist das Haus wieder trocken.« Holzsprossenfenster mit grün gestrichenen Fensterläden kamen an die Stelle der Thermopanefenster. Handgeformte Dachpfannen ersetzten die schmucklosen schwarzen Betonpfannen. »Die korrespondieren mit dem Farbenspiel des Glockenturms«, erklärt Gudrun Hering und zeigt auf die nur einen Steinwurf entfernte Kirche. »Der Dachdecker hat jede einzelne Dachpfanne fünf Mal in der Hand gehabt.«

Beim Rückbau musste das Paar auch Zugeständnisse machen. So blieb der Putz an der Außenwand erhalten. Gudrun Hering und Rolf Greeven hätten ihn gerne entfernt, aber das hätte den roten Backstein dahinter womöglich beschädigt. Also musste sich die Hobby-Restauratoren damit begnügen, den Putz weiß zu streichen.

Die Raumaufteilung haben die Loquarder leicht verändert: Wo früher die Küche war, ist heute die Wohnstube mit gusseisernem Ofen an der alten Feuerstelle. Das heutige Schlafzimmer ist die ehemalige Stube. Die rekonstruierte Butzenwand dient als Kleiderschrank. Die kleine Küche ist im ehemaligen Schafstall des Landarbeiterhauses untergebracht. »Alles ist ganz schlicht, einfach und ergreifend : wie es sich für ein Landarbeiterhaus gehört.«

2.000 Arbeitsstunden, verteilt auf fünf Jahre, investierten Gudrun Hering und Rolf Greeven in die Restaurierung. Für die Mühen seien sie mehr als entlohnt worden, erzählen sie. »Alte Scherben, Glasperlen oder eine alte Kaminplatte: Das Haus hat uns so viel geschenkt.« Vor zwei Jahren zogen sie in das Haus ein, das 1768 zum ersten Mal urkundlich erwähnt wurde. In unaufdringlicher, fast versteckter Schrift zieren die Namen aller Besitzer die Deckenbalken.

Mit der Rekonstruktion alter Dinge hat das Paar, das vorher in Emden wohnte, Erfahrung. Seit 15 Jahren stellen sie nämlich friesische Fliesen nach historischen Vorbildern her. Die übrigen Kenntnisse haben sie sich in alten Büchern und Dorfchroniken angelesen. »Wir haben viel gelesen und gekuckt. Während der Arbeit am Haus sind wir auf Forschungsreise gegangen.«